Zwischen literarischer Freiheit und politischer Zumutung: Zur Verantwortung des Schreibens und Lesens

In einer Zeit globaler Krisen, politischer Polarisierung und umkämpfter Wahrheiten rückt Literatur erneut ins Zentrum gesellschaftlicher Auseinandersetzungen. Der nun erschienene interdisziplinäre Band Artistic Freedom and Author Responsibility, an dem ich beteiligt bin, geht der Frage nach, welche ethische, rechtliche und politische Wirkmacht Literatur heute entfalten kann – und soll. Er versammelt Beiträge aus Rechtswissenschaft, Literatur‑ und Kulturwissenschaft, Philosophie und Soziologie und untersucht das spannungsreiche Verhältnis von Autor*in, Text und Rezeption.

Im Fokus stehen zeitgenössische politische Autor*innen, deren Werke an gesellschaftlichen Konfliktlinien operieren: Demokratie und Macht, Diktatur und Kolonialismus, sexuelle Freiheit, Künstliche Intelligenz, Erinnerungspolitik und Gewalt. Anhand von Fallstudien u. a. zu Juli Zeh, Robert Menasse, Shida Bazyar, Kazuo Ishiguro, Michel Houellebecq, Günter Grass, Dave Eggers, Svetlana Alexijewitsch oder Boualem Sansal zeigt der Band, wie Literatur als Ort von Dissens, Normativität und rechtlicher Imagination fungieren kann – und wie Autor*innen ihre Rolle als public intellectuals in einer mediatisierten Öffentlichkeit verhandeln.

Mein eigener Beitrag trägt den Titel „The Transferability of Ethics and Aesthetics—Shida Bazyar’s Balancing Act in Current Iranian and Racism Discourses“. Darin untersuche ich die besondere Position von Shida Bazyar, deren bislang zwei Romane Nachts ist es leise in Teheran(2016) und Drei Kameradinnen (2021) eine außerordentliche politische Resonanz erfahren haben. Beide Texte stehen exemplarisch für die enge Verschränkung von literarischem Werk, Autorinnenfigur und gesellschaftlicher Erwartung an politische Stellungnahme.

Während Nachts ist es leise in Teheran nach dem gewaltsamen Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 und den darauffolgenden Protesten im Iran eine erschütternde neue Aktualität gewann – verstärkt durch Bazyars offenen Brief an die Getötete in der Süddeutschen Zeitung –, wird Drei Kameradinnen zunehmend im Kontext von Rassismus, Empowerment und migrantischer Solidarität rezipiert. Bazyar selbst nutzt neben der Fiktion essayistische und journalistische Formen, um öffentlich Position zu beziehen.

Gerade hier zeigt sich jedoch ein prekärer Balanceakt: Einerseits betont Bazyar – etwa bei einer Lesung am 1. März 2024 im Theater Bremen –, dass sie jede Plattform nutzen möchte, um auf bestehende politische und soziale Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen. Andererseits beschreibt sie, wie wenig Zeit ihr noch für das eigentliche literarische Arbeiten bleibt: für das Suchen nach Form, nach eigener Ästhetik, nach der literarischen Verdichtung – weil sie einen Großteil ihrer Arbeit damit verbringt, auf Bühnen zu erklären, was Rassismus ist.

Diese Spannung bildet den Kern meines Beitrags. Denn die Frage nach Verantwortung betrifft nicht nur Autor*innen. Sie richtet sich ebenso an die Rezeption: an Journalist*innen, Moderator*innen, den Literaturbetrieb, die Literaturvermittlung und den schulischen Kontext. Wie werden Texte gelesen? In welche Deutungsecken werden Autor*innen gedrängt? Welche normativen Erwartungen werden an „engagierte Literatur“ herangetragen? So ist Nachts ist es leise in Teheran etwa Pflichtlektüre im Bremer Abitur im Themenfeld „Narrative Identität – interkulturelle deutschsprachige Gegenwartsliteratur“ – ein Kontext, der Chancen eröffnet, aber auch Lesarten festschreibt.

Vor diesem Hintergrund plädiert mein Beitrag für eine geteilte Verantwortung: für eine Verantwortung der Autor*innen, ethische Sensibilität und ästhetische Autonomie nicht gegeneinander auszuspielen, ebenso wie für eine Verantwortung der Rezeption, literarische Texte nicht vorschnell zu instrumentalisieren oder auf politische „Wahrheiten“ zu reduzieren.

Dass der Iran aktuell erneut mit Gewalt, Repression und Protesten in den Fokus der Öffentlichkeit rückt, verleiht diesen Überlegungen eine traurige Aktualität. Als der Artikel entstand, war diese Zuspitzung noch nicht absehbar. Umso deutlicher zeigt sich, wie Literatur zeitversetzt, aber nachhaltig in politische Gegenwarten hineinwirkt – und wie notwendig es ist, ihre ethische und ästhetische Transferierbarkeit immer wieder neu zu befragen.