In der vergangenen Woche durften wir an der Martin‑Luther‑Universität Halle‑Wittenberg Prof. Dr. Cécile Bertin‑Elisabeth (Université de Limoges) als Gast begrüßen – eine Begegnung, die in besonderer Weise gezeigt hat, was gelebter wissenschaftlicher Austausch sein kann.
Cécile Bertin‑Elisabeth, agrégée d’espagnol und Professorin für Literatur‑ und Kulturwissenschaften, bringt eine langjährige Forschungserfahrung aus Europa und der Karibik mit. Nach rund zwanzig Jahren an der Université des Antilles (‑Guyane) arbeitet sie heute in Limoges zu literarischen und künstlerischen Repräsentationen von Marginalität (u. a. Schwarze Figuren und pícaros) vom Siglo de Oro bis in die Gegenwart. Ein Schwerpunkt ihrer jüngeren Arbeiten liegt auf kulturellen Transfers zwischen Europa, Afrika und der Karibik – ein Forschungsfeld, das sie auch in Halle eindrucksvoll zur Diskussion gestellt hat.
Im Rahmen verschiedener Seminare gewährte sie Einblicke in karibische Literatur, transatlantische Verflechtungen und globale Erinnerungs‑ und Denkräume. Zu den inhaltlichen Highlights der Woche zählten:
- karibische Literatur anlässlich des 100. Geburtstags von René Depestre,
- eine Neubetrachtung von Cervantes’ El celoso extremeño im Kontext frühneuzeitlicher Literatur,
- literarische und philosophische Verbindungen zwischen Karibik und Afrika,
- sowie Kunst und das Konzept der „Humaterrenité“ am Beispiel des karibischen Künstlers Christophe Mert.
Besonders bereichernd war eine Sitzung in meinem Seminar, in der wir Christophe Mert per Videokonferenz direkt in den Austausch einbinden konnten – eine expérience stimulante, wie sie im besten Sinne zeitgenössische Geisteswissenschaften auszeichnet. Merts künstlerische Arbeit, die sich aus einer inneren Notwendigkeit des Ausdrucks speist, verbindet persönliche Lebenserfahrung mit einer Suche nach Identität. Seine Kunst greift plurale kulturelle Ursprünge auf – zwischen Afrika, indigenen Spuren und der karibischen Gegenwart – und übersetzt sie in eine vielschichtige Bildsprache aus Farben, Materialien und Techniken: Gelb als Energie, Rot für Kraft und Würde, Weiß für das Anciennale, Grün für Familie und Fruchtbarkeit, Blau für Wissen und Erkenntnis. Zwischen Abstraktion und Figuration entsteht so ein Kunstverständnis, das Geschichte, Körper und Gefühl miteinander verschränkt.
Für die Studierenden war diese unmittelbare Begegnung mit Wissenschaftlerin und Künstler gleichermaßen eindrücklich. Besonders hervorgehoben wurde die Offenheit des Austauschs und die Erfahrung, Theorie, Literatur und Kunst nicht getrennt, sondern im Dialog zu denken.
Der Besuch von Cécile Bertin‑Elisabeth war damit weit mehr als eine Gastdozentur. Er war ein Privileg – und ein eindrückliches Beispiel dafür, wie wichtig internationale, transdisziplinäre und persönliche Begegnungen für Forschung und Lehre sind. Wissensaustausch zeigte sich hier nicht als Einbahnstraße, sondern als gemeinsamer Denkraum.
Umso mehr freuen wir uns, dass aus dieser Woche Perspektiven für weitere gemeinsame Projekte entstanden sind – etwa in Form einer Ausstellung oder vertiefender Kooperationen zwischen Halle, Limoges und karibischen Partnern. Der transatlantische Dialog ist damit nicht abgeschlossen, sondern hat in Halle einen lebendigen Resonanzraum gefunden.