Mémoire sans conséquences? Exkursion zum Denkort Bunker Valentin

Welche Konsequenzen hat Erinnerung – und was geschieht, wenn sie ausbleibt? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Seminar „Mémoire sans conséquences? – Kulturelles Gedächtnis im aktuellen Stresstest“, das Theorien des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses (u. a. Aleida und Jan Assmann sowie Pierre Nora) mit konkreten Erinnerungsorten und gegenwärtigen politischen Debatten verbindet. Eine zentrale Station des Seminars war die Exkursion zum Bunker Valentin bei Bremen – einem Ort, an dem Geschichte nicht nur erzählt, sondern körperlich erfahrbar wird.

Der Bunker Valentin ist ein extremes Bauwerk: monumental, einschüchternd, technisch beeindruckend. Errichtet als Teil der nationalsozialistischen Rüstungsindustrie, wurde er von Tausenden Zwangsarbeiter*innen unter unmenschlichen Bedingungen gebaut. Gerade diese architektonische Überwältigung birgt die Gefahr, dass Größe, Materialität und Ingenieursleistung den Blick von den menschlichen Schicksalen verstellen. Umso entscheidender ist die Frage, wie Erinnerung hier vermittelt wird.

Besonders wertvoll für die Studierenden waren die Fachgespräche mit Ima Dolmshagen sowie mit der Leiterin der Gedenkstätte, Christel Trouvé. Die Gespräche waren offen angelegt und ließen Raum für Nachfragen, Irritationen und Diskussionen. Deutlich wurde, dass Erinnerungsarbeit im Bunker Valentin nicht auf abgeschlossene Narrative setzt, sondern bewusst mit ihnen bricht.

Von den Studierenden wurde vor allem hervorgehoben, wie konsequent die Vermittlungspraxis die Faszination der Architektur unterläuft, um immer wieder auf die Schicksale der Zwangsarbeiter*innen zurückzukommen. Der Bunker wird so nicht als technisches Monument inszeniert, sondern als Ort systematischer Gewalt, Ausbeutung und Entwürdigung – ein Perspektivwechsel, der nachhaltig wirkt.

Theoretische Konzepte aus dem Seminar ließen sich an diesem Ort konkret überprüfen: Pierre Noras Idee der lieux de mémoire, die Unterscheidung zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis oder die Frage nach der politischen Wirksamkeit von Geschichte im öffentlichen Raum. Der Bunker Valentin erwies sich dabei als Erinnerungsort, der nicht beruhigt, sondern irritiert – und gerade dadurch zur kritischen Auseinandersetzung herausfordert.

Eine weitere wichtige Dimension eröffnete die bereits stattgefundene Lesung mit Ottmar Ette zu seinem Roman Wunder Bunker. Der literarische Zugriff auf den Bunker ergänzt die historische und pädagogische Vermittlung um eine ästhetische Perspektive, die Ambivalenzen, Mehrstimmigkeit und Brüche sichtbar macht. Literatur erweist sich hier als eigenständige Form des kulturellen Gedächtnisses, die nicht erklärt, sondern befragt.

Die Exkursion zum Bunker Valentin machte deutlich, dass kulturelles Gedächtnis keineswegs folgenlos ist. Es fordert Verantwortung, verlangt nach Positionierung und widersetzt sich einfachen Antworten. In Zeiten autoritärer Versuchungen und erinnerungspolitischer Verkürzungen wird Erinnerung so zu einer aktiven Praxis – unbequem, widersprüchlich und gerade deshalb demokratisch notwendig.