Über Transfer, Transferierbarkeit und öffentliche Literaturwissenschaft
Mein jüngster Artikel ist in der Open‑Access‑Zeitschrift Public Humanities erschienen – einem internationalen Forum, das Wissenschaftlerinnen, Studierende, Aktivistinnen, Journalistinnen, Kulturschaffende, politische Akteurinnen und eine interessierte Öffentlichkeit miteinander ins Gespräch bringt. Die Zeitschrift verbindet peer‑reviewte Forschung mit zugänglicher Schreibweise und versteht sich bewusst als Raum für große Fragen und mutige Antworten innerhalb der Geisteswissenschaften.
In diesem Kontext befasse ich mich mit dem Begriff Transfer und seiner Bedeutung für die Literaturwissenschaft. Während Transfer in der deutschen Hochschulpolitik längst fest etabliert ist, bleibt seine theoretische Fundierung im Fach überraschend unscharf. Mein Beitrag fragt daher: Was genau meinen wir eigentlich, wenn wir von Transfer sprechen – und unter welchen Bedingungen kann literaturwissenschaftliches Wissen gesellschaftlich wirksam werden? Ausgehend von deutsch- und französischsprachigen Diskursen entwickle ich ein begrifflich differenziertes Modell, das Transfer von verwandten Konzepten wie Anwendung, Praxis, Kommunikation, Kooperation oder Vermittlung abgrenzt. Zentral ist dabei der Vorschlag, statt ausschließlich über Transfer über Transferierbarkeit zu sprechen. Dieser Perspektivwechsel lenkt den Blick auf die Voraussetzungen von Transfer und schärft zugleich das Bewusstsein für seine ethischen, ästhetischen und anthropologischen Dimensionen. Transferierbarkeit entsteht nicht automatisch. Sie ist an Relevanz und Resonanz gebunden und setzt dialogische, ko‑kreative Prozesse voraus. Anhand aktueller Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum – etwa der Debatte um #RelevanteLiteraturwissenschaft, kollaborativen Literaturfestivals oder Citizen‑Science‑Projekten – zeige ich, dass gelungener literaturwissenschaftlicher Transfer immer relationale Arbeit ist: zwischen Institutionen, Disziplinen und unterschiedlichen Öffentlichkeiten.
Der Artikel versteht sich zugleich als Plädoyer für stärkere strukturelle und institutionelle Rahmenbedingungen, die Transfer nicht nur fordern, sondern ermöglichen. Zeit, Anerkennung, Ressourcen und experimentelle Räume sind entscheidend dafür, ob geisteswissenschaftliche Arbeit anschlussfähig, inklusiv und gesellschaftlich responsiv sein kann. Schließlich öffnet der Beitrag den Diskurs bewusst in Richtung einer Global Public Literary Humanities. Public Humanities als internationales, interdisziplinäres Open‑Access‑Journal bietet dafür einen idealen Resonanzraum: Die Einbindung unterschiedlicher sprachlicher, kultureller und methodischer Traditionen ermöglicht es, Transfer neu zu denken – als dynamischen, vernetzten und transformierenden Prozess. Der Artikel möchte so zu weiterer kritischer Reflexion, zu Experimenten jenseits disziplinärer Grenzen und zu neuen Formen des öffentlichen Engagements ermutigen.