„Klasse und Komplexion: Victor Hugos elende Kinder im ‚Literarischen Transfer‘“
Im Sammelband »Arme Kinder«? Soziale Ungleichheit(en) in Kinder- und Jugendmedien, herausgegeben von Jana Mikota und Annette Kliewer und erschienen bei Beltz Juventa, ist mein Beitrag „Klasse und Komplexion: Victor Hugos elende Kinder im ‚Literarischen Transfer‘“ erschienen.
Der Band rückt eine Differenzkategorie in den Fokus, die im öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurs nach wie vor unterrepräsentiert ist: Klassismus. Dabei ist die gesellschaftliche Relevanz unübersehbar – jedes vierte Kind wächst in der BRD in Armut auf. Während Fragen von gender, race und disability zunehmend Beachtung finden, bleiben soziale Klasse und ihre kulturellen Repräsentationen, insbesondere in der Kinder- und Jugendliteratur, oft unsichtbar.
In meinem Beitrag untersuche ich die ungebrochene Wirkmacht von Victor Hugos „Les Misérables“ als einem der ersten Sozialromane der Weltliteratur. Im Mittelpunkt stehen die Kinderfiguren Cosette, Gavroche und Éponine sowie ihre vielfältigen Adaptionen – unter anderem in Mangas, Bandes dessinées und Schulausgaben. Diese Formen des literarischen Transfers machen Hugos Werk für ein junges Publikum zugänglich und aktualisieren seine sozialen und ethischen Fragestellungen. Die Kinderfiguren sind dabei weit mehr als Objekte des Mitleids. Sie stehen für komplexe Erfahrungen von Armut, sozialer Ausgrenzung und insbesondere Scham, die nicht individuell entsteht, sondern gesellschaftlich zugeschrieben wird. Diese von außen übergestülpte Scham greift tief in das Selbstwertgefühl ein und kann zu Rückzug, Lähmung, Wut oder Aggression führen. Zugleich spiegeln die Figuren gesellschaftliche Machtverhältnisse und halten privilegierenden wie exkludierenden Strukturen einen kritischen Spiegel vor. Vor dem Hintergrund aktueller theoretischer Ansätze zeige ich, dass Hugo diese Differenziertheit bereits im 19. Jahrhundert literarisch entfaltet. Gerade darin liegt das Potenzial für heutige junge Leser*innen: Die Figuren ermöglichen es, soziale Stigmatisierung zu erkennen, zu hinterfragen und eigene Positionen im sozialen Gefüge zu reflektieren. Die Adaptionen von „Les Misérables“ lassen sich als ein Kanon be- oder entschämender Literatur lesen. Visuelle Erzählformen wie Manga und BD präzisieren soziale Ungleichheit auf polydimensionale Weise, während Schulausgaben pädagogische Zugänge eröffnen, die Fragen von sozialer (Un‑)Gerechtigkeit, Empathie und Verantwortung gezielt thematisieren. Auch heute ist die Welt mit ähnlichen sozialen Herausforderungen konfrontiert wie zu Hugos Zeiten. Die elenden Kinder von damals sprechen noch immer in die Gegenwart hinein – und fordern dazu auf, über Klasse, Würde und Gerechtigkeit neu nachzudenken.